Wenn sie sich verändert

Was Männer über die Wechseljahre wissen sollten



(Autorin: Nicole Kaps) Es ist ein ganz normaler Abend. Er setzt sich zu seiner Frau aufs Sofa, legt den Arm um sie und möchte ihr nahe sein. Doch sie rückt ein Stück zur Seite. „Nicht jetzt, bitte.“ Früher hätte sie sich vielleicht an ihn gekuschelt. Heute möchte sie lieber ihre Ruhe haben. Er sagt nichts, aber die Zurückweisung trifft ihn. Und irgendwann fragt er sich: Was ist eigentlich aus uns geworden?

Solche Situationen können in langjährigen Beziehungen vorkommen, besonders dann, wenn Frauen in die Wechseljahre kommen. Was viele Männer nicht wissen: Hinter dem veränderten Verhalten ihrer Partnerin können körperliche und emotionale Veränderungen stecken, die sie selbst kaum versteht.

Ich kenne diese Lebensphase aus eigener Erfahrung und weiss, wie verunsichernd es sein kann, wenn sich der eigene Körper plötzlich anders anfühlt. Deshalb ist mir wichtig, auch Männern zu erklären, was ihre Partnerinnen möglicherweise gerade durchmachen. Denn Verständnis kann vieles verändern.

Sie ist nicht plötzlich ein anderer Mensch

Die Wechseljahre beginnen meist schleichend. Der Hormonhaushalt verändert sich, der Schlaf wird unruhiger, Hitzewallungen können auftreten und manche Frauen fühlen sich schneller erschöpft oder gereizt. Was früher nebenbei funktionierte, kostet plötzlich Kraft. Stellen Sie sich vor, Sie haben mehrere Nächte schlecht geschlafen, müssen tagsüber trotzdem funktionieren und fühlen sich körperlich nicht richtig wohl. Wie viel Geduld hätten Sie dann noch für Diskussionen, Verpflichtungen oder körperliche Nähe?

Genau so kann sich der Alltag für manche Frauen über längere Zeit anfühlen. Dabei erlebt jede Frau die Wechseljahre anders. Nicht jede leidet unter starken Beschwerden, und nicht jede Veränderung lässt sich mit Hormonen erklären. Wichtig ist deshalb, nicht vorschnell zu urteilen. Ihre Partnerin ist nicht automatisch schwieriger geworden. Vielleicht hat sie gerade einfach weniger Kraft zur Verfügung.

Wenn Berührungen plötzlich unangenehm werden

Besonders schwierig wird es, wenn sich die Sexualität verändert. Viele Männer erleben körperliche Nähe als Ausdruck von Liebe und Verbundenheit. Wenn ihre Partnerin weniger Lust hat oder Berührungen ausweicht, fühlen sie sich schnell abgelehnt. Dabei gibt es körperliche Veränderungen, über die Frauen oft nur ungern sprechen. Durch den sinkenden Östrogenspiegel können die Schleimhäute im Intimbereich trockener und empfindlicher werden.

Geschlechtsverkehr kann dann unangenehm oder schmerzhaft sein. Manche Frauen vermeiden deshalb irgendwann auch harmlose Zärtlichkeiten, weil sie befürchten, dass daraus mehr entstehen soll. Nicht, weil sie ihren Mann nicht mehr lieben, sondern weil sie keinen Erwartungsdruck spüren möchten.

Für Männer ist das eine wichtige Erkenntnis: Eine Umarmung sollte eine Umarmung bleiben dürfen. Ein Kuss muss nicht automatisch eine Einladung zum Sex sein. Und wenn die Partnerin Nein sagt, ist dieses Nein zu respektieren, ohne dass daraus eine Diskussion entsteht. Körperliche Beschwerden müssen übrigens nicht einfach ausgehalten werden. Gerade bei Schmerzen oder Trockenheit gibt es medizinische Behandlungsmöglichkeiten, die Frauen mit ihrem Frauenarzt besprechen können.

Der grösste Fehler: Alles auf sich beziehen

Natürlich ist es verletzend, wenn vertraute Nähe plötzlich fehlt. Männer dürfen darüber traurig, enttäuscht oder verunsichert sein. Problematisch wird es allerdings, wenn aus diesen Gefühlen Vorwürfe entstehen. „Früher warst du ganz anders.“ Oder: „Du hast wohl überhaupt keine Lust mehr auf mich.“ Solche Sätze kommen möglicherweise aus echter Verletzung. Bei der Partnerin können sie jedoch Schuldgefühle auslösen. Sie fühlt sich ohnehin nicht wohl in ihrem Körper und bekommt nun zusätzlich das Gefühl, ihrem Mann nicht mehr gerecht zu werden.

Hilfreicher ist es, die eigenen Gefühle ehrlich anzusprechen, ohne Schuld zu verteilen: „Ich vermisse unsere Nähe. Gleichzeitig merke ich, dass es dir gerade nicht gut geht. Ich möchte verstehen, was du brauchst.“ Das klingt unspektakulär. Doch manchmal liegt genau darin der Unterschied zwischen einem Streit und einem Gespräch.

Nicht jede Veränderung sind die Hormone


Noch etwas sollten Männer wissen: Wenn ihre Partnerin plötzlich häufiger Nein sagt, Aufgaben abgeben möchte oder alte Gewohnheiten hinterfragt, muss das nicht ausschliesslich mit den Wechseljahren zusammenhängen. Viele Frauen haben jahrelang versucht, es allen recht zu machen. Sie haben Familie, Beruf, Haushalt und Partnerschaft organisiert und dabei ihre eigenen Bedürfnisse oft zurückgestellt.

In der Lebensmitte stellen manche fest, dass sie so nicht weitermachen möchten. Sie wünschen sich mehr Zeit für sich, eine gerechtere Aufgabenverteilung oder mehr Rücksichtnahme. Wer jetzt jede klare Ansage mit „Das sind wohl deine Hormone“ kommentiert, nimmt seine Partnerin nicht ernst. Vielleicht spricht sie gerade etwas aus, das sie schon lange beschäftigt.

Was Männer wirklich tun können

Unterstützung muss nicht kompliziert sein. Manchmal hilft es schon, aufmerksam wahrzunehmen, wie es der Partnerin geht. Einen gemeinsamen Abend ohne Erwartungen zu verbringen. Aufgaben zu übernehmen, ohne erst darum gebeten zu werden. Oder zuzuhören, ohne sofort einen Lösungsvorschlag parat zu haben. Fragen statt vermuten: „Was würde dir heute guttun?“ Nähe ohne Ziel anbieten: Umarmung, Massage, Spaziergang; eine Aufgabe dauerhaft übernehmen, nicht nur einmal.

Gleichzeitig sollten Männer ihre eigenen Bedürfnisse nicht dauerhaft verschweigen. Auch ihnen dürfen Zärtlichkeit, Sexualität und gemeinsame Zeit fehlen. Entscheidend ist, darüber miteinander statt gegeneinander zu sprechen. Die Wechseljahre sind kein Freibrief für verletzendes Verhalten und auch keine Erklärung für jedes Beziehungsproblem. Aber sie sind eine Lebensphase, in der beide Partner mehr Verständnis füreinander brauchen können.

Vielleicht beginnt gerade eine neue Form von Nähe

Eine Beziehung verändert sich über die Jahre. Das ist nichts Ungewöhnliches. Was mit 30 selbstverständlich war, muss mit 50 nicht mehr genauso funktionieren. Vielleicht braucht Ihre Partnerin heute mehr Ruhe. Vielleicht verändert sich die Sexualität. Vielleicht möchte sie manches anders gestalten als früher. Das muss keine Bedrohung für die Beziehung sein.

Aus meiner Sicht ist das Wichtigste, dass Männer ihre Partnerin nicht auf die Frau festlegen, die sie früher einmal war. Und dass Frauen sich nicht verpflichtet fühlen, immer genauso zu funktionieren wie bisher. Denn Liebe bedeutet auch, Veränderungen miteinander auszuhalten, Fragen zu stellen und einander neu kennenzulernen. Manchmal beginnt neue Nähe nicht mit einer Berührung, sondern mit einem ehrlichen Gespräch. Und mit dem Gefühl, auch dann geliebt zu werden, wenn gerade nicht alles ist wie früher.

Nicole Kaps ist Wechseljahre-Coach, Speakerin und Female-Health-Expertin. Mit „Spürbar Schöner“ begleitet sie Frauen in den Wechseljahren dabei, ihren Körper neu zu verstehen, ihre Weiblichkeit wieder bewusster zu leben und aus dem inneren Hamsterrad auszusteigen.

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